D i e   e r s t e   S p u r



Noch nie in all den Jahren zuvor hatte ich den Dompatz so bevölkert erlebt: Es schien, als kämen sie von überall her, von den Hügeln der Bergstadt herunter und aus den Gassen der Altstadt herauf, die Gäste der Landesausstellung über König und Kaiser Heinrich II. Ausgewählte Exponate und ein nachgebautes mittelalterliches Gehöft gaben Einblick in das Leben der damaligen Bewohner und die Besucher wurden für einige Momente in diese Zeit zurück entführt. An einem Sommertag war das, 2002.

Wie ein Hauch zog  am Horizont meines Geistes eine vage Idee entlang: „Wenn man diese Menschenmengen ins Theater bringen könnte, noch dazu hier auf dem Domplatz…!“ und war schon fast wieder verweht in den unsichtbar verzweigten Gedankenströmen. Aber mit Ideen kenne ich mich aus: Bleistift und Papier sind immer dabei!





„Das Leben schreibt die besten Geschichten“ dachte ich und bat einige Kenner der Stadhistorie, sich mit mir um einen Tisch zu versammeln. Ein Kriminalstück sollte es werden, eine spannende Inszenierung mit Schattenbildern, deren Schauplätze im mittelalterlichen Bamberg angesiedelt sind und von einer „frevelhaften“ Tat berichten, die irgendwann zwischen den Jahrhunderten hier geschehen war. Am besten „dunkles Mittelalter!“Opulente Gesichter und neblige Abende des Mühlenviertels am Fluss wären geeignete Szenenbilder.

Dann saßen wir und durchforsteten akribisch die lange Zeit - aber die Suche nach einer „geeigneten Tat“ blieb ergebnislos. Der Königsmord 1208 lag zu weit zurück und zudem war die Motivlage nicht eindeutig geklärt. Außerdem wollte ich es nicht auf Herrschaftsebene  sondern in den Niederungen der verwinkelten Altstadt ansiedeln. Dort sollte sich mein „aufsehenerregendes Verbrechen“ abspielen – aber dergleichen war zwischen den Jahrhunderten nicht zu finden und was vage begonnen hatte, zerstob.

 

Manches Kapitel allerdings in den Geschichten des Lebens beginnt unbemerkt. In der Suche der Stadtführer gab es zwar keinen „Einzeltäter“, wie ich ihn gerne gefunden hätte, aber es tauchten Worte auf, die von etwas anderem erzählten: Aufruhr hießen sie und Aufstand, Niederschlagung und Vertreibung, Habgier und Verrat.

Wochen später erlebte ich einen überraschenden und zugleich beglückenden Moment: Was über Jahrhunderte geschehen war setzte sich - wie ein plötzlich erkennbares Mosaik - in einem einzigen Augenblick zu einer waghalsigen Idee in mir zusammen:
die Geschichte der Stadt ist auch ein Kriminalstück, das erzählt werden kann!